Die Dornwald Chroniken · Das Buch kennt dich. Timo Günther · Leseprobe · Kapitel 1 Kapitel 1 Der letzte Ferientag in Dornwald roch nach Gewitter und nach Fritz' Salamibrot. „Das Brot ist schuld“, sagte Ole, ohne von seinem noch nicht fertigen Walkie-Talkie aufzusehen. „Gewitter kann man nicht riechen. Man riecht Fritz.“ „Ich rieche nichts, ich esse nur“, nuschelte Fritz mit vollem Mund und biss noch einmal ab. Mia, Ole, Pinar und Fritz saßen im Baumhaus, hoch oben in der alten Linde am Dorfrand. Es war kein besonders schönes Baumhaus. Die Bretter passten nicht zusammen, das Dach bestand aus drei verschiedenen Wellblechstücken, und die Tür war eigentlich eine Schranktür, die Oles Opa ausrangiert hatte. Aber es war ihr Baumhaus, und es hatte sogar eine Hausordnung, die Pinar mit einem dicken Filzstift an die Innenwand geschrieben hatte: § 1: Wer zuletzt kommt, bringt Brause mit. § 2: Was im Baumhaus gesagt wird, bleibt im Baumhaus. § 3: Mia darf nicht allein vorgehen. (Wird nicht beachtet.) § 4: Fritz' Brote werden nicht geteilt. (Wird auch nicht beachtet.) Paragraf 1 wurde streng befolgt, seit Elin dabei war. An ihrem ersten Tag hatte sie vier Flaschen Waldmeisterbrause mitgebracht. Am Vormittag hatte Mia ihr das Baumhaus gezeigt. Elin hatte alles gelesen, sogar das Kleingedruckte unter Paragraf 3. „Woher wusstest du das?“, hatte Pinar gefragt. „Du hast mir doch die Regeln gezeigt“, hatte Elin gesagt. „Auch die, an die du dich nicht hältst.“ Mia hatte so getan, als hätte sie das nicht gehört. Pinar hatte Elin dafür schon ein kleines bisschen gemocht. Von hier oben konnte man ganz Dornwald überblicken, und das war schnell erledigt, denn viel gab es nicht zu überblicken. Da war die Kirche mit dem schiefen Turm. Da war der stillgelegte Bahnhof, auf dessen Gleisen schon Löwenzahn wuchs. Da war das Gemeindehaus, die Bäckerei, die nur noch dreimal die Woche öffnete, und ein paar Dutzend Dächer, aus deren Schornsteinen dünner Rauch stieg. Und dahinter, auf einem grünen Hügel, stand das alte Wasserwerk: ein langes, dunkles Backsteingebäude mit blinden Fenstern, um das alle Erwachsenen einen Bogen machten. Heute aber sah man noch etwas anderes. Hinter dem Hügel schob sich eine schwarzblaue Wolkenwand über das Tal, Stück für Stück, als würde jemand langsam eine Decke über das Dorf ziehen. Mia hockte an der Luke, die Beine baumelnd, und hielt ihre Taschenlampe in der Hand. Es war helllichter Tag, aber ohne Taschenlampe ging Mia nirgendwohin. „Man weiß nie“, sagte sie immer. Und meistens behielt sie recht, was nicht immer gut ausging. Pinar saß mit dem Rücken an der Wand und schrieb in ihr kariertes Heft. Oben auf der Seite stand: Chronik der Bande, Eintrag 112. Ihr Handy lag zu Hause. Die anderen hatten ihre auch nicht mitgenommen; sie hatten sich nur für einen Nachmittag im Baumhaus verabredet. „Was schreibst du da?“, fragte Fritz. „Dass du das dritte Brot isst.“ „Es ist das zweite.“ „Das dritte. Ich zähle.“ „Du zählst alles“, beschwerte sich Fritz. „Deswegen bin ich die Chronistin“, sagte Pinar ruhig und schrieb weiter. „Irgendjemand muss aufpassen, dass die Wahrheit nicht verloren geht. Besonders bei Brot.“ Auf der untersten Leitersprosse schwieg Elin. Erst zwei Wochen in Dornwald. Ihre Mutter war wegen der neuen Arbeit heimgekehrt. Elin kannte nur kurze Besuche bei Oma Ruth, die schon immer hier lebte. Jetzt wohnten sie neben der Bäckerei. Seit Montag durfte Elin zur Bande gehören, und das war so gekommen: Mia hatte am Dorfbrunnen herausfinden wollen, wie tief er war. Sie hatte sich über den Rand gelehnt, noch ein bisschen weiter, noch ein bisschen, und war dann mit einem sehr überraschten „Oh!“ kopfüber hineingefallen. Der Brunnen war nur einen Meter tief, aber voll mit grünem Wasser und einem Frosch, der sich mindestens genauso erschrocken hatte wie Mia. Ole, Pinar und Fritz hatten vor Lachen kaum noch Luft bekommen. Nur ein Mädchen, das gerade mit einem Umzugskarton vorbeigekommen war, hatte nicht gelacht. Es hatte den Karton abgestellt, sich zu Mia hinuntergebeugt und gefragt: „Brauchst du ein Handtuch?“ Das fand Mia so großartig, dass sie Elin noch am selben Nachmittag zur Bande erklärt hatte, tropfend, mit dem Frosch in der Hand. Aber Elin wusste noch nicht, wie man sich in einer Bande benahm. Also saß sie auf der untersten Sprosse und hörte zu. Das konnte sie gut. Sie hörte das Rauschen der Linde, das ferne Brummen eines Traktors und das Murmeln des Dorfes. Und manchmal sah es aus, als würde sie noch etwas ganz anderes hören. „Seht mal“, sagte sie jetzt leise und zeigte auf den Hügel. „Da steht jemand.“ Alle drehten sich um. Oben am Wasserwerk, zwischen den Brombeerbüschen, stand ein Mann in einem braunen Mantel. Er hielt ein Notizbuch in der Hand, schrieb etwas hinein, ging ein paar Schritte, blieb stehen, sah an der Mauer hinauf und schrieb wieder. „Der steht schon seit Tagen da“, sagte Ole. „Ich hab ihn durch mein Fernglas gesehen.“ „Was macht er?“ „Er misst.“ „Er misst was?“ „Das Wasserwerk.“ „Warum sollte jemand das Wasserwerk messen?“, fragte Fritz mit vollem Mund. „Es ist riesig. Man sieht doch, wie groß es ist.“ „Vielleicht will er es kaufen“, sagte Pinar. „Vielleicht will er es abreißen“, sagte Ole. „Vielleicht“, sagte Mia, und ihre Augen blitzten, „will er etwas finden.“ Das Wasserwerk war der Ort, über den man in Dornwald nicht sprach. Man sagte nur: „Geht da bloß nicht hin.“ Die Erwachsenen sagten es, und die Kinder hörten es so oft, dass sie schließlich dachten, dort müsse etwas Wunderbares sein. „Habt ihr das Plakat gesehen?“, fragte Ole schließlich. „Das am Gemeindehaus.“ Alle hatten es gesehen. In großen Buchstaben stand dort: ZUKUNFT DORNWALD – Informationsabend mit Heimatforscher V. Kroll. Darunter, kleiner: Wir müssen reden. „Wenn jemand ‚Wir müssen reden‘ schreibt, wird es nie etwas Gutes“, sagte Pinar. „Mein Vater sagt, die Schule macht nach den Ferien zu“, sagte Ole leise. Er drehte an seinem Walkie-Talkie. Außer einem Knacken kam noch nichts aus dem Lautsprecher; ein zweites Gerät hatte er überhaupt noch nicht gebaut. „Der Bahnhof ist ja schon zu. Und die Bäckerei hat angekündigt, dass sie auch aufhört. Dann zieht hier keiner mehr her. Dann wird Dornwald … einfach leiser. Bis es ganz still ist.“ Es wurde einen Moment still im Baumhaus. Selbst Fritz kaute langsamer. „Dann gibt es hier bald nichts mehr zu erleben“, sagte Mia und starrte hinüber zum Wasserwerk. „Dann gibt es mehr Brot für mich“, sagte Fritz. Ole legte das Walkie-Talkie auf die Knie. An einer Ecke löste sich das Klebeband. Sonst hätte er sich sofort darum gekümmert. „Morgen ist noch kein Unterricht“, sagte er. „Mein Vater hat den neuen Brief bekommen. Die Erwachsenen müssen erst klären, wie wir in den Nachbarort kommen. Am Dienstag sollen wir uns die Schule dort ansehen.“ „Ich habe schon meine Hefte beschriftet“, sagte Pinar. Mia sah zur Kirche hinüber. Hinter dem Turm lag ihre Schule, ein gelbes Haus mit einem Tor, das klemmte. Sie hatte sich im letzten Schuljahr mindestens siebenmal darüber beschwert. Jetzt hätte sie gern noch einmal dagegengetreten. Elin zog die Füße auf die Sprosse. Zwei Wochen im Dorf, ein paar Tage in einer Bande, und die Schule, auf die sie sich vorbereitet hatte, sollte es schon nicht mehr geben. „Können wir nicht zusammenbleiben?“, fragte sie. „Im Baumhaus schon“, sagte Mia sofort. „Ich meine in der Klasse.“ Darauf wusste Mia keine Antwort. Sie rutschte ein Stück zur Seite und klopfte auf das Brett neben sich. Elin kam von der Leiter herauf. Erst jetzt saßen wirklich alle fünf im Baumhaus. Pinar schrieb die Sache mit der Schule auf. Die offene Frage nach ihrer Klasse ließ sie darunter stehen. In diesem Augenblick grollte der erste Donner über das Tal, so tief, dass die Linde ein bisschen zitterte. Der Wind drehte, das Laub rauschte, und plötzlich war die Luft kühl und schwer. Die schwarze Wolkenwand stand jetzt direkt über dem Dorf, und der Mann auf dem Hügel war verschwunden, als hätte ihn jemand weggewischt. „Runter“, sagte Mia. „Sofort.“ Sie schafften es gerade bis zur Wiese. Dann öffnete der Himmel alle Schleusen, und das Wasser kam nicht tropfenweise, sondern eimerweise. Ole hielt sich sein Walkie-Talkie unter den Pullover, als wäre es ein Baby. Pinar presste ihr Heft an die Brust und lief gebückt wie jemand, der sich vor Gewehrkugeln schützt. Fritz rettete sein Brot, indem er es sich in einem Stück in den Mund stopfte. Und Elin rannte hinter ihnen her, ohne zu wissen, wohin eigentlich. „Wohin?“, schrie sie gegen den Regen an. „Zum Wasserwerk!“, rief Mia. „Das ist am nächsten!“ „Da ist Betreten verboten!“, brüllte Ole. „Bei Gewitter gilt das nicht!“ „Das gilt immer!“ Aber da rannte Mia schon, und die anderen rannten hinterher, weil man bei Mia immer hinterherrannte. Es war ein bisschen wie bei einem Sog. Man konnte gar nicht anders. Der Weg den Hügel hinauf war eine einzige Schlammpiste. Fritz rutschte aus und landete auf dem Hosenboden. Ole zog ihn wieder hoch, rutschte selbst aus, und gemeinsam schlitterten sie die letzten Meter, während Pinar mit hochgezogenen Schultern und Elin mit wehenden Haaren an ihnen vorbeiliefen. Der Wind riss an den Jacken. Ein Blitz zerteilte den Himmel in zwei Hälften, und für einen Sekundenbruchteil sah das Wasserwerk aus wie ein Scherenschnitt aus schwarzem Papier. Wenige Sekunden später krachte der Donner so laut, dass Fritz „Ich war's nicht!“ schrie, obwohl niemand ihn beschuldigt hatte. Dann standen sie vor der Tür. Sie war aus dunklem Holz, verzogen und gespalten, und sie hing nur noch an einem Scharnier. Ein Schild baumelte schief daran: BETRETEN VERBOTEN. EINSTURZGEFAHR. Darunter hatte jemand mit Kugelschreiber noch etwas dazugekritzelt, aber das konnte im strömenden Regen niemand lesen. Mia drückte dagegen. Die Tür quietschte, protestierte, gab nach, und die fünf Kinder fielen mehr in das Gebäude, als dass sie hineingingen. Ole stolperte über die Schwelle, Fritz stolperte über Ole, und Pinar rettete ihr Heft in letzter Sekunde vor einer Pfütze. Drinnen war es still. Der Regen klang auf einmal weit weg, wie in einem anderen Land. Es roch nach nassem Stein, nach Rost und nach etwas, das Pinar später „vergessene Jahre“ nennen würde. Dann machte Mia die Taschenlampe an. Der Lichtkegel glitt über einen riesigen, leeren Raum: hohe Wände, ein Betonboden voller Risse, rostige Metallleitern, die ins Nichts führten. In der Mitte klaffte ein Loch im Boden, aus dem eine eiserne Treppe nach unten führte. „Siehst du?“, sagte Mia triumphierend. „Man weiß nie.“ „Ich weiß ziemlich genau, dass wir hier nicht sein sollten“, sagte Ole und tropfte auf den Betonboden. „Wir warten nur, bis das Gewitter vorbei ist.“ „Das ist das, was die Leute immer sagen, kurz bevor es nicht vorbei ist.“ Pinar war inzwischen in die Hocke gegangen. Im Staub auf dem Betonboden, genau dort, wo Mias Lichtkegel entlangstreifte, zeichneten sich Abdrücke ab. „Spuren“, sagte sie. „Und nicht unsere.“ Tatsächlich. Schuhabdrücke, größer als die der Kinder, mit einem tiefen Profil. Sie führten von der Tür quer durch die Halle zur eisernen Treppe, und von dort wieder zurück. Ole kniete sich daneben und strich mit dem Finger über den Randeines Abdrucks. „Die Kanten sind noch scharf“, sagte er. „Sieht aus, als wäre hier noch nicht viel darübergelaufen.“ „Vielleicht ein Geist mit Wanderschuhen“, sagte Fritz. „Geister hinterlassen keine Profile“, sagte Pinar. „Der Mann vom Hügel“, sagte Mia. „Mit dem Notizbuch.“ „Dann war er schon hier drin“, sagte Ole langsam. „Und er ist nach unten gegangen“, sagte Elin. „Und wieder hoch.“ Das gefiel keinem von ihnen. Aber es machte die Sache auch ein bisschen spannender, und das gefiel allen, auch wenn niemand es zugegeben hätte. Fritz wrang seinen Pullover aus. „Ich bin dafür, dass wir hierbleiben, solange es regnet, und danach so tun, als wären wir nie hier gewesen.“ „Das ist ein guter Plan“, sagte Pinar. „Der Einzige, den du je hattest.“ Ein neuer Donner ließ den Boden vibrieren. Staub rieselte von der Decke. Alle zuckten zusammen, nur Mia grinste. Sie bemerkten nicht, dass Elin an der Treppe stehen geblieben war. Den Kopf schief gelegt, die Augen auf eine bestimmte Stelle in der Wand gerichtet, so wie jemand, der in einem vollen Raum seinen eigenen Namen hört. „Hört ihr das?“, flüsterte sie. „Was denn?“, fragte Pinar. „Da ist ein Geräusch.“ Elin zögerte. „Wie Papier. Als würde jemand in einem Buch blättern.“ Alle lauschten. Der Regen trommelte gegen die Fenster. Irgendwo tropfte es. Fritz hörte auf zu kauen. Pinar notierte später in ihrem Heft, das sei das erste Mal gewesen, dass er das jemals getan hatte. Dann, ganz leise und ganz deutlich, kam es aus der Wand unter ihnen, aus dem Keller: Rrrrschhh. Rrrrschhh. Rrrrschhh.